Building Knowledge Together: Citizen Science, Communication, and Trust | 5 - 6 October 2026, Berlin

Vertrauensdynamiken im Umgang mit wissenschaftlicher Evidenz bei der Implementierung neuer Technologien im klinischen Alltag: Eine empirisch-ethische Analyse
2026-10-05 , Room 1
Language: Deutsch

Hintergrund:
Vertrauen in wissenschaftliche Prozesse und Ergebnisse stellt eine grundlegende Bedingung moderner Gesellschaften dar (Kohring 2010; Lahusen et al. 2024; Luhmann 2001). Neue Technologien prägen medizinische Entscheidungsprozesse und fungieren immer häufiger als Entscheidungshilfen (Budnik 2025; Lahusen et al. 2024). Insbesondere aufgrund algorithmusbasierter Technologien nehmen wissenschaftliche Komplexität, Intransparenz und epistemische Asymmetrien zu (Steinfath et al 2016; Myskja and Steinsbekk 2020). Unter diesen Bedingungen gewinnt Vertrauen in seiner orientierenden und komplexitätsreduzierenden Funktion an Bedeutung (Budnik 2025; Hartmann and Offe 2001; Luhmann 2001; Schmidt 2021). Vertrauen ermöglicht die Annahme wissenschaftlich-technischer Ergebnisse trotz begrenzter epistemischer Zugänglichkeit und wird damit zu einer wesentlichen Voraussetzung von Handlungsfähigkeit und Autonomie (Budnik 2025; Hartmann and Offe 2001; Kohring 2010).

Im klinischen Alltag zeigt sich diese Dynamik besonders deutlich, da wissenschaftliche Evidenz in diagnostische Entscheidungen überführt wird. An dieser Stelle setzt das internationale Forschungsprojekt Stracyfic (https://bioinformatics.umg.eu/research/projects/stracyfic/) an, das ein neues Diagnosetool für Mukoviszidose entwickelt, um eine algorithmusbasierte Entscheidungshilfe bereitzustellen. Unser ethisches Teilprojekt (https://www.haw-hamburg.de/forschung/forschungsprojekte-detail/project/project/show/stracyfic/) untersucht dabei die im Entwicklungs- und Implementierungsprozess entstehenden Vertrauensdynamiken.

Methode:
Der Beitrag folgt einem empirisch-ethischen Forschungsansatz. Grundlage ist eine systematische Literaturrecherche zu klinischen Vertrauensdynamiken bei der Implementierung neuer Technologien, die in die Entwicklung der Interviewleitfäden sowie in die qualitative Inhaltsanalyse einfließt. Die empirische Datenerhebung erfolgt durch halbstrukturierte Interviews (Froschauer and Lueger 2003; Hopf 2012) mit Patient:innen und medizinischem Fachpersonal, die an der Anwendung des neuen Diagnosetools in Partnerkliniken in Deutschland, Belgien, Frankreich und Italien beteiligt sind. Die Interviews werden dabei explizit als Form aktiver Beteiligung verstanden, um die Perspektiven, Erfahrungen und normative Einschätzungen der Betroffenen dieser neuen Technologie in den Forschungsprozess zu integrieren.

Ergebnisse:
Die vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass Vertrauen und Autonomie zentral im Umgang mit wissenschaftlich generierten Erkenntnissen im klinischen Alltag sind, die in technologiegestützten Entscheidungsprozessen zur Anwendung kommen. Sie werden durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren geprägt. Insbesondere Kommunikation und Informationsflüsse zwischen wissenschaftlich-medizinischem Fachpersonal und Patient:innen erweisen sich als zentrale Vermittlungsinstanzen von Vertrauen und Autonomie auf interpersonaler, technischer und institutioneller Ebene. Interpersonale Interaktionen stärken dabei Vertrauen in handelnde Akteur:innen und fungieren als emotionale und relationale Anker. Zugänglichkeit und Verfügbarkeit von Expert:innen werden als grundlegende Voraussetzung von Vertrauen beschrieben. Autonomie wird maßgeblich durch epistemische Kompetenz bzw. Gesundheitskompetenz gestärkt, die partizipative Entscheidungsprozesse ermöglicht und zugleich vertrauensbildend wirkt. Auf institutioneller Ebene werden funktionierende Koordinationsprozesse, transparente Kommunikation zwischen Akteur:innen sowie wissenschaftliche Validierungs- und Evidenzstrukturen als zentrale Bedingungen von Vertrauen identifiziert. Insgesamt zeigt sich, dass Vertrauen in wissenschaftlich-technische Ergebnisse nicht auf einzelne Technologien oder Akteur:innen reduzierbar ist, sondern aus einem systemischen Zusammenspiel aus sozialen Beziehungen, institutionellen Rahmenbedingungen und wissenschaftlichen Praktiken entsteht. Es manifestiert sich als Systemvertrauen in Evidenz, Validierung und professionelle Standards.

Schlussfolgerung:
Unsere Forschung zeigt, dass partizipative Forschungsansätze unter den durch neue Technologien und damit zunehmenden komplexen Bedingungen wissenschaftlicher Prozesse notwendig sind, um Vertrauensdynamiken zu stabilisieren und damit Autonomie und Handlungsfähigkeit sicherzustellen. Dieser Partizipationsanspruch realisiert sich im Kontext medizinisch- wissenschaftlicher Strukturen durch transparente und kontinuierliche Informationsvermittlung, dialogorientierte Kommunikationsstrukturen sowie die aktive Einbindung von Patient:innen in Forschungs- und Entscheidungsprozesse. Ebenso bedeutsam sind stabile Beziehungen zwischen medizinischem Fachpersonal und Patient:innen, die Stärkung der Gesundheitskompetenz sowie verlässliche institutionelle und wissenschaftliche Rahmenbedingungen.

Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Gesundheit